Lebensräume in Gipssteinbrüchen

Ein Lebensraum ist ein natürlicher, abgegrenzter Raum einer darauf abgestimmten Lebensgemeinschaft, wie Moor, Fels, Bach u.a. Die Charakteristik des Lebensraumes ist zuerst einmal abhängig von seiner Entstehung, seinen geologischen, bodenkundlichen und klimatischen Verhältnissen.Später kommen mit zunehmendem Entwicklungsalter auch die überformenden und neu gestaltenden Vegetationstypen hinzu. In Gipssteinbrüchen kommen zu Anfang vor allem weite, offene, kaum bewachsene Gipsflächen vor. An leichten Senken kommt es durch Einschwemmen von Feinmaterial zu Pfützenbildung, die je nach Größe und Tiefe auch über viele Wochen bis Monate Gewässer entstehen lassen. Ganzjährig vorhandene Gewässer sind in Gipssteinbrüchen selten.

Grafik Lebensraum Gipssteinbruch

Die Abbauwände verwittern mit der Zeit und bilden langsam wachsende Schuttkegel am Wandfuß und an den Felsnasen an der Wandschulter. Verteilt im Gelände liegen Halden, das sind flache bis steile Steinhaufen aus nicht verwertbarem Bodenmaterial. Sofort mit der Entstehung, also mit Beginn des Abbaus, beginnt auch schon die Besiedlung: Tiere wandern auf der Suche nach neuen Lebensräumen, nach Nahrung oder auf Partnersuche ein, Samen fliegen an oder werden eingeschwemmt. Nach einigen Wochen sind auf den ebenen oder leicht geneigten Flächen erste Pflanzen sichtbar – typische Trockenheitsspezialisten und Erstbesiedler, die grundsätzlich durchsetzungsfreudig sind, dann aber von den höheren, langlebigen Pflanzenarten verdrängt werden. Im zeitigen Frühjahr erscheinen gelb leuchtende Huflattichblüten vor ihren großen Blättern und bilden mit ihrem Pollenreichtum den Insekten eine erste Nahrungsquelle. Im Sommer blüht Steinklee, Klatschmohn oder Gelber Günsel. Die dickfleischigen Blätter verschiedener Sedumarten speichern Wasser und trotzen so der Trockenheit. Auf der Weißen Fetthenne (Sedum album) lebt die Larve des Apollofalters, die nur noch in wenigen Populationen in Deutschland vorkommt, so an der Mosel, im Blautal- und im Altmühltal.

Längere Entwicklungszeiten führen von kurzrasigen, blütenreichen Wiesen, die teils seltene Gipssteppenrasenarten enthalten, über Wärme oder Luftfeuchte liebende Säume mit ihren mehrjährigen Stauden zu Gebüschen der trockenen und warmen Standorte und zu Waldbeständen.Felsnasen und große Felsbrocken bleiben über Jahrzehnte vegetationsfrei. Hier siedeln Bunte-Erdflechten-Gesellschaften oder seltene, leicht zu übersehende Moose wie das in der Gesteinsoberfläche wachsende Kalk-Goldschlafmoos (Campylium calcareum). Mit aufkommenden Gehölzen und stärkerem Aufwuchs entstehen so genannte Säume, blütenreiche Pflanzengemeinschaften aus Gräsern, mehrjährigen Stauden und Halbsträuchern, die besonders artenreich sind. Solche Säume sind Lebensraum für zahlreiche gefährdete Schmetterlings-, Heuschrecken- und Käferarten. Hier wächst Beifuß (Artemisia vulgaris), Schafgarbe (Achillea millefolium), Thymian (Thymus pulegioides und andere Arten), Oregano (Origanum vulgare) in Nachbarschaft – Pflanzen, deren ätherische Öle die Grundlage für Magenbitter liefern. Auch der sehr seltene, warme und halbschattige Standorte liebende Diptam (Dictamnus albus), ein zitronenartig riechendes Kraut mit zahlreichen großen Öldrüsen, wächst hier. Der Diptam hat seinen botanischen Namen vom kretischen Berg „Dicte“ und dem griechischen Wort „Thamnos“, was Strauch bedeutet.

Büsche und Bäume erobern den Steinbruch normalerweise ebenso rasch wie die krautigen Pionierarten. Jedoch gelingt es den langsam wachsenden und gegen Austrocknung recht empfindlichen Sträuchern zunächst nicht, harte, schneearme Winter oder sehr trockene Sommer zu überdauern. Es beginnt mit Weiden, Brombeeren und Himbeeren, verschiedenem Wildobst, mit Birken und Feldahorn. Bei zunehmender Bodenbildung durch die herabfallenden Pflanzenteile und die Verwitterung des Gesteins und dem daraus resultierenden höheren Wasserhaltevermögen wachsen aber besonders an schattigeren Halden auch Ahorne, Eschen, Eichen oder sogar Buchen auf, die dichte hohe Feldgehölze bilden. Die Entwicklung geht zu den natürlichen Waldgesellschaften hin: zu Eichen-Hainbuchen-Wäldern und zu artenreichen Buchenwäldern. Der Gipsabbau führt also zu sehr unterschiedlichen Lebensräumen, die sowohl nebeneinander vorkommen als auch aufeinander an der selben Stelle folgen. Entsprechend dynamisch, flexibel und artenreich ist auch die Besiedlung dieser Bereiche durch Tiere.

Nächste Folge: Tierarten und ihre Lebensräume 

Bereits erschienen: Die Tierwelt in Gipssteinbrüchen – Teil 1