Zukunft der heimischen Gips-Rohstoffsicherung

Im deutschen Bauwesen, welches bis zu 75% von mineralischen Rohstoffen abhängig ist, ist der Rohstoff Gips ein nicht ersetzbarer Baustoff. Gips ist der zentrale Baustoff für die modernen Trocken- und Leichtbauweisen, die ressourceneffizientes, nutzungsflexibles, preiswertes, brandsicheres und schnelles Bauen ermöglichen. Gipsprodukte (z.B. Gipskartonplatten) sind in allen Bauten und Bauweisen vertreten und kommen bei nahezu jedem Innenausbau zum Einsatz. Gipsbaustoffe bieten Lösungen an, um dringend benötigten Wohnraum zu schaffen und Wohnraumpotentiale durch Nachverdichtungen sowie Aufstockungen in urbanen Ballungszentren zu heben. Die Gipsrohstoffe werden heute aus REA-Gips aus der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken, welcher seit mehr als 30 Jahren die natürlichen Gips-Ressourcen schont, und abgebautem Naturgips/-anhydrit gewonnen. Zunehmend werden diese beiden Rohstoffe auch durch Recycling-Gips (RC-Gips) ergänzt.

Mit dem Ende 2016 von der Bundesregierung beschlossenen Klimaschutzplan 2050 (KSP) schreitet der Ausstieg aus der Kohleverstromung erheblich fort und führt zu einem Rückgang der REA-Gipsproduktion.
Bereits jetzt zeichnen sich daher in bestimmten Regionen Engpässe bei der Rohstoffversorgung von Gipswerken ab. Der Abschlussbericht der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ (WSB) vom 26.01.2019 sieht nun ein Ende der Kohleverstromung bis spätestens 2038 vor. Bis dahin wird sich das REA-Gips-Angebot nochmals massiv verknappen und letztendlich zum Erliegen kommen (siehe grüne Kurve in Abbildung 1).

Abb. 1: (s. o.) Abschätzung der REA-Gipsentwicklung auf Basis des Klimaschutzplans 2050 (Reduktion der CO2-Emissionen) und des WSB-Abschlussberichtes (Reduktion der installierten Leistung von Kohlekraftwerken), Quelle: Bundesverband der Gipsindustrie e.V.

Im Saldo liegt der inländische Bedarf an Gips insgesamt bei 10 Mio. Tonnen jährlich und wird zu 100% aus heimischen Rohstoffquellen gedeckt. Der heutige Gips-Rohstoffmix besteht aus 45% Naturgips/- anhydrit sowie aus 55% REA-Gips. Auch wenn Gipsrecycling und der daraus gewonnene Recycling- Gips als unterstützende Maßnahme von der deutschen Gipsindustrie massiv vorangetrieben wird, kann RC-Gips die zukünftige Rohstoffversorgung vor allem auf Grund der geringen Mengen von recycelbaren Gipsabfällen nur in sehr geringem Maße abdecken. Aufgrund der ambitionierten Ziele im Wohnungsbau, der steigenden Notwendigkeit energetischer Modernisierungen sowie des Ausbaus und Erhalts der Infrastruktur wird der Rohstoffbedarf der gipsverarbeitenden Industrien bis 2035 realistisch auf 10,7 Mio. Tonnen jährlich ansteigen[1] (siehe Abbildung 2).

Demzufolge steht der extremen Gips-Rohstoffverknappung ein gleichzeitig wachsender Bedarf an Gipsprodukten gegenüber, sodass der Erhalt von Wertschöpfungsketten hinsichtlich der heimischen Versorgung mit Gipsrohstoffen in fortlaufendem Maße gefährdet ist. Auch die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) hat schon in der 2016 veröffentlichten Rohstoffliste Gips in die Risikogruppe 3 (besonders hohe Wahrscheinlichkeit für Lieferausfälle oder Preisrisiken) eingestuft[2]. Abbildung 2 stellt die zukünftige Zusammensetzung des Gips-Rohstoffmix im Rahmen des Ausstiegszenarios des WSB-Abschlussberichtes bis 2035 dar, um den erforderlichen Rohstoffbedarf abzudecken. Allein bis zum Jahr 2035 muss sich somit die Naturgipsgewinnung in Deutschland mindestens verdoppeln, um den fortschreitenden Wegfall an REA-Gips auszugleichen und den steigenden Bedarf zu bedienen.

Abb. 2: Gips-Rohstoffmix in Deutschland 2020-2035, Quelle: BBS Rohstoffstudie 2019, Bundesverband der Gipsindustrie e.V. [3]

Da der Gips-Rohstoffbedarf auch weiterhin aus ökologischen und volkswirtschaftlichen Gründen durch heimische Rohstoffe abgedeckt werden sollte, ist eine Steigerung der Naturgipsgewinnung notwendig, um die sinkenden Mengen an REA-Gips sowie den steigenden Rohstoffbedarf zu kompensieren.
Naturgips ist in Deutschland ausreichend vorhanden, aber bislang oft nicht zugänglich. Im WSB-Abschlussbericht wird im Kapitel 5 „Perspektiven für bestehende, neue und zukunftssichere Arbeitsplätze“ ausdrücklich die Gips-Rohstoffsicherung benannt und notwendige Kompensationsmaßnahmen für die zurückgehende Erzeugung von REA-Gips durch Naturgips gefordert.

Um Strukturbrüche in der deutschen Gipsindustrie zu vermeiden sowie lokale Wertschöpfung zu erhalten, sollten insbesondere folgende Maßnahmen bei der gesetzlichen Verankerung des WSB-Abschlussberichtes zur zukünftigen Gips-Rohstoffsicherung berücksichtigt werden:
▪ Bedarfsunabhängige sowie langfristige Ausweisung neuer Flächen für die Naturgipsgewinnung in der Raumordnung der betroffenen Bundesländer / des Bundes
▪ Sonderreglungen für die umweltverträgliche Gewinnung von Gipsgestein in – für die Förderung der Biodiversität sinnvollen – Teilbereichen von Schutzgebieten und das gesetzgeberische Ermöglichen von „Natur auf Zeit“ in aktiven Steinbrüchen.

Fazit: Der steigenden Nachfrage nach Gipsbaustoffen mit ihren besonderen bauphysikalischen sowie baubiologischen Vorzügen steht eine zunehmende Verknappung der Gips-Rohstoffe
gegenüber, die insbesondere durch den forcierten Ausstieg aus der Kohleverstromung bedingt ist. Es ist daher dringend erforderlich, die im WSB-Abschlussbericht geforderten notwendigen Kompensationsmaßnahmen für die zurückgehende Erzeugung von REA-Gips durch Naturgips gesetzlich zu verankern.


[1] BBS-Rohstoffstudie 2019: Die Nachfrage nach Primär- und Sekundärrohstoffen der Steine-und-Erden-Industrie bis 2035 in
Deutschland; Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e. V.; Berlin, Stand: Juni 2019
[2] DERA-Rohstoffliste 2016: Angebotskonzentration bei mineralischen Rohstoffen und Zwischenprodukten – potenzielle Preis- und
Lieferrisiken; Deutsche Rohstoffagentur; Berlin, Stand: Oktober 2016
[3] Das in Abb. 2 abgeschätzte REA-Gips-Angebot ab 2020 basiert auf der in Abb. 1 dargestellten grünen Kurve und entspricht
der erzeugten Menge.